Arbeitsrapport

Ich weiss, man fragt sich immer so, was ich denn hier wohl mache und ich habe auch schon ein paar Mal darüber gebloggt. Es gibt aber schon Tage an denen ich echt diverse Hüte trage.

In den letzten drei Tagen war es so: gemäss der Wahlkommissionssitzung bin ich beauftragt, aus dem Manifest von Peter ein paar Flyer zu diversen Themen zu produzieren. Nur muss das Manifest ja zuerst mal mit meinen Notizen der Sitzung geschrieben werden. Ich staune nicht schlecht, als ich da eine 12-seitige Dokumentation in der Hand halte, die von 2 Männern aus der Kommission geschrieben wurde. Echt gut gemacht, mit den wichtigsten Punkten, die wir erwähnen wollten drin. Ich korrigiere sie auf Schreib- und offensichtliche Verständnisfehler und bespreche es mit dem einen der beiden Herren. Er sieht, dass meine Korrekturen stimmen. Jetzt kommt aber die Schwierigkeit: wie komme ich an das Originaldokument ran ohne dass ich es abtippen muss? Es ist nämlich auf dem Laptop, den derjenige der es geschrieben hat jetzt zuhause hat. Er ist am Arbeiten und somit ist das Manifest nicht als „Softcopy“, wie sie es hier nennen verfügbar. Ich versuche die besagte Person auf diversen Kanälen zu erreichen. WhatsApp mit Kenia Nummer, WhatsApp mit Schweizer Nummer und dann auch noch über Messenger, denn ich habe kürzlich gesehen, dass er neustens auch ein Facebook Konto hat.

Wie alle Kenianer:innen schreibt er dort jeweils: Hello…. Ich muss dann wieder antworten: hello, darauf folgt meistens ein „How are you?“ und von mir „I am fine and you“… meistens ist dann die Konversation zu Ende oder es kommt dann noch irgendein Problem von gestorbenen Verwandten, Schulgeldern, die nicht bezahlt werden können etc. An die Leute, die oft mit mir kommunizieren habe ich bereits Instruktionen verteilt: schreib doch einfach: Hallo Barbara, wollte nur fragen wie es dir geht. Oder Hallo Barbara ich habe dies und jenes Problem… Aha, so geht das, ich dachte, das sei nicht höflich war kürzlich eine Antwort. Aber ich diskutiere ja sogar in der Schweiz mit manchen Freund:innen über ähnliche Dinge. Bei mir muss man einfach schnell auf den Punkt kommen. Auch im überfreundlichen Kenia.

Also dieser Walter steht am Sonntagmorgen mit einer Flashdisk vor meiner Wohnung und ich gehe mit ihm ins Büro. Leider nichts vorhanden auf der Flashdisk ausser Viren, die zum Glück von meinem Antivirusprogramm abgefangen werden. Er kann es nicht glauben, aber ich suche auf alle mir bekannten Varianten und da ist einfach nix. Zweiter Versuch: es wird ein Piki-Piki Fahrer organisiert, der den Laptop von Zuhause herbringt. Dort hole ich dann persönlich die Datei, die ich brauche. Jetzt kann ich weiter arbeiten.

Ich frage auch nach, woher sie den Text denn haben, denn ganz sicher haben sie das nicht selber getextet. Ich hoffe einfach, dass es nicht vom Gegner und Erzfeind von Peter ist… Ah sie hätten sich Gedanken gemacht und dann aus diversen Vorlagen kopiert. Und sie seien mal an einem Seminar von US Aid gewesen. Dort komme das meiste her. Alle Achtung: gut kopiert!

Ich finde noch ganz spannende Statistiken über Ganze im Internet und ganz spezifisch über Jaribuni. Zudem vereinbaren wir auch ein Wording, wenn Peter in den Sozialen Medien wieder attackiert wird. Die häufigsten Themen sind: warum bewirbst du dich nicht für einen MP (Member of Parliament) Sitz und überlässt den MCA einer unerfahrenen Person? Andere werden noch deutlicher und sagen: lass dich pensionieren, du bist zu alt (auch wenn Raila Odinga, der Präsident werden will schon 77 ist…). Und in die Richtung geht auch: warum überlässt du das nicht der Jugend, warum sinkst du so tief, bist du so „desperate“? Ach ja und „wurde dein Konto gehackt, das kann doch nicht sein, dass du dich an einen solchen Job verschwendest…“

Klar, wir haben die Antwort und die meisten dieser frechen Kommentare kommen von Leuten, die von den Gegnern darauf abgerichtet sind und absichtlich solche Kommentare zur Provokation schreiben. Zudem gibt es ja auch die Homepage petershehe.com und dort haben wir sogar ein paar Fragen per Interview aufgezeichnet. Aber wer in Ganze und spezifisch in Jaribuni hat überhaupt Zugang zu Internet? Und wer versteht überhaupt Englisch? Aber wir finden: das gehört auch zu einem Wahlportfolio. Allerdings sehe ich keine anderen Politiker mit einer so schönen Webseite (ich weiss: Eigenlob stinkt… trotzdem finde ich die Homepage cool). www.petershehe.com 

Wir einigen uns auf jeden Fall darauf, dass wir keinen „Kampf“ machen werden sondern Kampagne und vor allem auch Aufklärung und das natürlich vor Ort. Es muss den Leuten klar sein, dass sie ausgenutzt werden von allen rundherum. Bei der letzten Volkszählung in 2019 wurden viele Leute von Jaribuni in denen Kaumas leben einfach zu den Chonyis dazugezählt, damit die mehr Gelder erhalten. Grenzen werden ja auch fast beliebig verschoben, es ist ein echter Raubbau. Und bei den Zahlen über besuchte Schulen wird dir fast schlecht. Höchstens 20% kommen überhaupt über das Sekundarschulniveau hinaus. 97% heizen noch mit Firewood, die wenigsten wohnen in Häusern aus Stein und viele haben keinen Zugang zu Frischwasser und Strom. Da wird mir dann auch übel, wenn der „aspiring Senator – oder vielleicht auch Governor“ George Kithi seinen verstorbenen Vater in einer Stretchlimousine zu seinem Begräbnisort fährt. Eine Stretchlimousine in Ganze, wo es keine geteerten Strassen gibt! Mich nimmt wunder, wie sie das bis dahin geschafft haben auf dieser Strecke. Das ist doch einfach schon Provokation und reiner Bluff. Selber hat er sich dann wie ein König in Schwarz und Gold in Szene gesetzt und die ganz Dramaturgie war ärger als an einer Oscar-Verleihung mit Rotem Teppich und allem drum und dran.

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Die Mutter (also die Witwe) hat aber Peter angerufen und ihn gebeten, dass er doch ihrem Sohn sagen soll, dass er ihr endlich Geld gäbe, sie habe nämlich nichts zu essen… Gemäss Insidern sei die Strechlimo  x Mal stecken geblieben bei den Schlaglöchern und engen Kurven. Geschieht ihm Recht, selbst auf der letzten Reise noch…

Es braucht also dringend Hilfe in diesem Jaribuni, und die kriegt Peter wenn er MCA ist für die Einwohner:innen von Jaribuni, denn er weiss, wo er Hilfe und Finanzen holen kann. Er hat auch sonst die notwendigen Verbindungen, sonst wäre auch der Deputy President von Kenia nicht nach Jaribuni gekommen. Das war Peters Verdienst und ich glaube, der DP war ganz schockiert zu sehen, wie armselig die Leute hier leben. Er schriebt dann ann auch in einem seiner Posts: es ist beschämend zu sehen, dass in dieser Zeit Leute in Kenia immer noch an Hunger sterben müssen. Das muss sich ändern. Total einverstanden.

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Eine andere grosse Arbeit von mir ist die Diskussion mit dem momentanen Schulleiter vom Marere College. Ich will gar nicht alle Details auflisten aber es gilt auf jeden Fall: bis im August müssen wir überleben – dann kommt Veränderung auf. Peter hatte wieder einmal das Glück, jemanden aus der entfernten Verwandtschaft zu finden, der bereit ist zu helfen, oder der sich mindestens dazu verpflichtet fühlt. Ist mir momentan auch egal, ob es verwandt ist oder nicht: wenn es nur klappt und er nichts veruntreut… Er ist ein Ingenieur und ein sehr kluger Kopf, der die Zusammenhänge durchschaut. Er hat auch einen Job in einem grossen Projekt der World Bank und ist nicht auf das Einkommen angewiesen. Wir besprechen das grösste Problem, das hier herrscht: alle haben irgendwie das Gefühl, Peter Shehe werde schon für sie sorgen und sie könnten hier einfach andocken. Das beginnt bei den Schulgeldern, die nur sehr sehr schleppend bis gar nicht bezahlt werden und geht bis zum Essen, das sich hier einfach alle holen. Das heisst, dass sich hier täglich die Angestellten, die Lehrer und sogar die Schüler täglich bedienen. Kein Wunder kommen die schon so früh am Morgen, denn zuhause hätten sie kein Frühstück. Und nachdem wir die Kalkulationen für die Bäckerei detailliert gemacht haben und gesehen haben, dass richtig Geld gemacht werden kann mit dem Brot ist es nicht verwunderlich, dass kein Geld in der Kasse ist, weil sich nämlich alle schon beim Brot bedienen, das sie nicht bezahlen. Ich höre schon unseren Kassier sagen: ja da muss man halt ganz genaue Listen machen: wieviel Brot wurde produziert, wer hat wann ein Brot rausgenommen etc. 

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Aber das Problem ist natürlich: wer spielt diesen Polizisten und schaut, dass da wirklich alles korrekt abgerechnet wird? Zudem habe ich selber da 2 Herzen in meiner Brust. Ich möchte die Leute auch nicht hungern sehen, aber so geht es einfach nicht auf. Wenn man also sagt, dass man bei einem Hilfsprojekt immer vor Ort schauen muss, damit es klappt dann ist das eben bei jedem der kleinsten Projektli hier so: du musst schauen, dass niemand Papier mit nachhause nimmt und du musst schauen, dass die sich nicht die Haare knüpfen lassen und nicht dafür bezahlen und du muss sogar schauen, dass sie dir nicht die Papaya und Mangos aus dem Garten klauen, weil sie denken, dass es ein Selbstbedienungsladen ist. Aber nur so als Zwischenbemerkung: selbst bei Raiffeisen mussten sie anscheinend immer wieder schauen, wie viel Toilettenpapier und Geschirr aus der Kantine wegkam… ich sage es einfach weil es wohl einfach zum Menschen gehört… Aber ich habe gerade in einem Geschichtsbuch über Jaribuni gelesen, dass es einfach immer logisch war: wer hat der hat und der teilt mit allen. Nur wenn das Ungleichgewicht so gross ist, dann sind es halt immer dieselben die geben und immer dieselben, die nehmen. Wir werden die Diskussion mit den Lehrern und Angestellten eröffnen und ich bin gespannt zu hören, was da rauskommt. Ich bin schon so weit, dass ich abzähle, wie viele Chapatis wir haben und genau überwache, wer wie viele weg nimmt. Ich mache mich damit nicht beliebt aber ich gehe ja wieder weg und die Leute vor Ort können dann sagen: also die Mama Kaya ist schon streng aber das werde ich nicht mehr hören und nicht mehr spüren.

Peter hat wirklich extrem viele Talente und ein riesengrosses Herz aber im Nein-Sagen ist er schlimmer als irgendwer. Er steckt auch in einem totalen Dilemma: er will allen helfen, kann es aber mit seinen finanziellen Verhältnissen auch nicht. Und das Barbara-Konto ist irgenwann auch wieder gesperrt. Ich komme finanziell hier immer wieder an meine Limite. Ich sehe natürlich, was es braucht aber ich sehe auch, dass das mit meinen finanziellen Mitteln einfach nicht möglich ist und Spendengelder setze ich nur dafür ein, wofür sie gesprochen wurden. Und klar, wenn ich mir dann eine 3-tägige Safari gönne, dann könnte ich damit wohl den Lohn von einigen Mitarbeitern zahlen aber ich habe für mein Geld ja auch hart gearbeitet. Manchmal denke ich, dass es fast besser ist, dass ich gar nicht so viel Geld habe – sonst würde wirklich alles hier investiert.

Zwischen meinen Bürojobs muss ich dann auch mal noch überprüfen, ob der Bau der Toiletten/Duschen gut vor sich geht. Ich habe mich inzwischen schon an die nervösen Plättli gewöhnt und weil es den Installateuren peinlich war, dass sie die WCs und die Brünneli vertauscht hatten (beiges WC mit weissem Brünneli und umgekehrt) haben sie das sogar noch ausgewechselt. So viel Arbeitsstolz haben sie dann auch, selbst wenn sie zugeben mussten, dass ihnen der Farbunterschied gar nicht aufgefallen sei. Wir schicken dann den Maler mit etwas Weissanstrich durch die Zimmer und er weisselt alles, was ihm unter den Pinsel kommt. 5 Minuten später sind schon wieder die Handabdrücke an der Wand zu sehen aber rege ich mich auf? Nein, denn in 1 Woche wird es sowieso so weit sein, also kann ich das mit dem Aufregen heute und in einer Woche lassen.

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Zurück ins Büro: Für die Kampagne habe ich auch einen coolen Kalender kreiert: sogar mit Swahili Monatsnamen und den 9.8.22 gross angeleuchtet. Dann ist das Datum, das für Kenia, für Ganze, für Jaribuni, für unsere Beziehung und besonders für Peter eine riesige Entscheidung ist. Die Wahlen stehen an. Wird Peter als MCA (Member of County Assembly) gewählt dann hat er 5 Jahre Zeit, für bessere Bedingungen zu sorgen und eine:n Nachfolger:in aufzubauen. Wird er nicht gewählt, dann gibt es eine längere Denkpause in Rorschach…

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Leider erfahre ich grausame Dinge über Wahlbetrug, der bereits schon geplant ist. Ich kann diese Infos gar nicht zu Papier bringen, d.h. ich werde meine Notizen machen, damit man später sehen kann: aha – Barbara hat es bereits gewusst aber mich haben ja schon einige von euch davor gewarnt, dass ich mich doch nicht zu weit hinauslehnen sollte in meinem Blog (der sowieso unter Überwachung steht) und das glaube ich auch. Ich berichte über das, was öffentlich passiert und gebe ein paar Insiderinfos weiter, weil sie für das Verständnis dazu gehören. Aber ich kann mir vorstellen, dass dieser Wahlkampf ganz extrem ablaufen wird. Dem Handshake Team Kenyatta/Rail schwimmen nämlich die Felle weg und an der Küste gibt es viele Unstimmigkeiten mit der ehemals stärksten Partei, die jetzt in 2 gesplittet wurde. Und wenn schon in Ländern wie den USA, der Ukraine, Russland etc. die Fäden digital gezogen werden: wieso sollte es in Kenia anders sein? Ihr dürft euch auf ein spannendes Blog-Jahr gefasst machen… Es gibt genug zu erzählen…

Ach ja und dann habe ich an diesem heiligen Sonntag, an dem der Pfarrer von der nahen Kirche so grausam falsch und so noch viel grausamer laut singt einfach wieder mal die Noise Cancelling Kopfhörer aufgesetzt, Canva gestartet und den Pro Ganze Newsletter für 2021 gestaltet. Dann auch bereits in der Woche 1 die Spendenbestätigungen an alle Spender:innen verschickt.

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Ein gutes Gefühl zu wissen, dass wir so viele Menschen in der Schweiz haben, die uns helfen, unsere Projekte umzusetzen und vor Ort für mehr Hoffnung und ein bisschen mehr „Wohlstand“ zu sorgen. Die Freude über die feuerfesten Ofenhandschuhe für die Bäckerei hättet ihr sehen sollen und die Teigknetmaschine hilft natürlich ganz extrem, den Umsatz zu steigern.

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Aber nicht, dass sie dann x Brote mehr konsumieren werden, denn ab nächster Woche wird akribisch Buch geführt. Und mein nächster Spendenaufruf für eine Brotschneidemaschine und Abkühlgestelle kommt bestimmt… 

Die Küche, die von Pro Ganze finanziert wurde ist zwar schon wieder zu klein, denn zusammen mit der Bäckerei braucht es mehr Platz. Aber sie ist eine riesige Hilfe, denn es bedeutet erst Mal, dass man nicht am Boden im Hühnerstall kochen muss. Und die Wasserreinigungsanlage stellt sauberes Wasser für alle her und dank der öffentlichen Toiletten müssen sie ihr Geschäft nicht hinter dem Mangobaum verrichten. Es sind manchmal die kleinen Dinge, die wirklich zählen!