Jan 13, 2021: Alles nur ein Kommafehler

Kleine Vorwarnung: ich mache
einen Spendenaufruf… Ich hatte es nicht geplant aber meine rechnerischen
Fähigkeiten sind gescheitert.

Ich bin ja
froh, dass der Umrechnungskurs mit KES 1:100 gerechnet werden kann. Momentan
fahre ich damit sogar gut, denn der Franken ist grad stark und es gibt grad 20%
mehr im Moment. Im Kopf rechne ich aber immer mit den 2 Kommastellen…

Peter hat damit oft Mühe und er
hat mir auch schon gesagt, dass etwas 70 Franken kostet und es waren dann doch
700!!! Worüber ich mich dann ganz schön nerven konnte, vor allem wenn ich es
bezahlen musste. 

An Weihnachten habe ich mich ja
um die Preislisten von unseren diversen Services gekümmert, die wir im
Community Center anbieten. Von Brot und Kuchen über Fotokopien, IDs etc. bis zu
Kleidern und Uniformen, die uns gutes Geld bringen können damit wir das College
mitfinanzieren können.

Overlock

Superoverlock

Bei den Kleidern habe ich dann
Spannendes erfahren: für Kinderkleider kann man mehr Geld verlangen weil dort
mehr Verzierungen gemacht werden. Und von Mbuche habe ich dann erfahren, dass
sie nach dem Schneidern noch nach Dzitsoni fahren muss um den Saum des Kleides
nähen zu lassen mit einer Overlock Maschine. Also was ein Overlock Stich ist weiss
ich aus meiner eigenen Näh-Erfahrung. Aber dass das sogar eine separate
Maschine sein muss, das habe ich hier zum ersten Mal gehört… es ist natürlich
nicht optimal, wenn wir in Marere Kleider nähen aber wenn wir dann die Leute
für den Final Touch doch noch an ein anderes Ort schicken müssen, dann bedeutet
das ja auch, dass sie wieder ein Piki Piki nehmen müssen um dorthin zu fahren.
Und uns entgeht mehr Einkommen…

In meiner grosszügigen
Weihnachtsstimmung habe ich Ruth nachfragen lassen, wieviel so eine Maschine kostet.
Dabei habe ich erfahren, dass es Overlock (für den Unterrocksaum) und
Superoverlock (ein schöner Abschluss für das Kleid) gibt. Jede Maschine war um
die CHF 100 und somit willigte ich ein von jeder Sorte eine zu kaufen. Die „normalen“ Maschinen kosteten ja
etwa CHF 80, das macht durchaus Sinn.

Die
Leiterin der Nähschule Ruth war überglücklich und ich sagte, sie solle
anfragen, ob die Maschine lieferbar sei. Das wurde in Kürze bestätigt. Jetzt
ist das Problem mit dem Nähmaschinenladen aber, dass er an dieser grässlichen
Biashara Road in Mombasa liegt. Es ist die geschäftigste Strasse, die ich in
Mombasa kenne aber Biashara heisst ja auch Geschäft auf Swahili. Aber genau
dort sind alle Läden mit Haushaltsartikeln, Stoffen, Zubehör zum Nähen, Kangas
(die bunten Tücher) etc. etc. Mit einem grossen Auto wie mit unserem Toyota
Landcruiser ist es ein Horror dort durchzufahren und ein noch grösserer Horror
dort etwas einzuladen.Wir werden aber nicht darum herum kommen dorthin zu
gehen. Aber weil Peter diese Reise wirklich hasst und ich mir nicht zutraue,
dass ich mit dem Auto nach Mombasa fahre kommen wir auf die glorreiche Idee,
dass Ruth mit einer Kollegin hinfahren könnte. Halt mit dem Matatu (Sammeltaxi)
– aber zu zweit würden sie das schon schaffen. Was für eine absolute
Schnapsidee das war werdet ihr gleich erfahren.

Peter
telefoniert nämlich an dem besagten Morgen nochmals mit dem Laden und der Besitzer
erklärt ihm, dass das Gerät sehr schwer und gross sei, weil auch ein Tisch
dazugehöre. Wenn wir bereits eine Anzahlung machen würden, dann beginne er
gleich mit dem Zusammensetzen. Ruth müsse unbedingt mitkommen, denn er hätte
den Spezialisten vor Ort, der ihr dann diese Maschine erklären würde. Aber
diese Superoverlock könne also auch Overlock, es sei quasi 2 in 1. Das sind
natürlich gute Neuigkeiten und Peter wiederholt den Preis noch einmal und nimmt
noch 2x Rücksprache mit mir und ich sage: ja, jetzt sag endlich zu, denn ich
habe versprochen, dass ich die Maschine sponsore. Es gehört einfach zum
abgerundeten Angebot.

Wir
steigen auf die Abenteuerreise ins Auto ein und Peter sagt, ich müsse jetzt die
Hälfte schon mal als Anzahlung schicken, damit der Ladenbesitzer bereits mit
dem Zusammensetzen beginnen könne. Also schick schon mal 50‘000 KES per M-PESA.
Wie bitte? 50‘000, das sind ja fast CHF 500? Ja klar, die ganze Maschine kostet
ja auch CHF 1‘050!!! Oh mein Gott, das ist wohl der grösste rechnerische
Fauxpas meines Lebens (oder mindestens meines Kenialebens…) Ich dachte CHF 105 –
voll easy, das lohnt sich zigfach. Aber einen Tausender wollte ich jetzt auch
nicht grad investieren – da hätte ich wohl dann besser einen Kühlschrank für
die neue Küche gekauft oder halt sonst etwas extrem Dringendes, das allen
zugute kommt.

Doch
jetzt kann ich auch keinen Rückzieher mehr machen und nach einem kurzen
Aufreger muss ich echt laut loslachen. Ich bezahle einen Rechnungsfehler mit
Geld. Geschieht mir recht und irgendwie mache ich damit ja schon etwas Gutes,
aber das Geld sitzt bei mir jetzt auch nicht grad so locker. Mir schiesst es
grad wie ein Blitz durch den Kopf: ich muss ein Fundraising machen für diese
Overlock-Maschine. Ich habe viele Freundinnen, die gerne nähen und die
Notwendigkeit von einer solchen Maschine einsehen. Und es gibt sicher auch
Männer die finden: ok helfen wir Barbara wenigstens mit einem kleinen Beitrag,
damit es die Kosten etwas abfedert. Ich danke jeder einzelnen Person (oder
vielleicht auch Firma) für den Beitrag, den sie leisten kann. Entweder auf das
Twint Konto von Pro Ganze oder mit einer Banküberweisung an CH70 8080 8007 5653 1169 6 Raiffeisenbank am besten mit dem Vermerk Overlock
Regio Arbon Pro Ganze Kenia.

Aber
die Geschichte geht schon noch ein bisschen weiter: wir holen noch den
Elektriker ab, der unsere Geräte geflickt hat. Wegen der extremen
Stromfluktationen in Marere sind bei uns einige Geräte kaputt gegangen: mehrere
Laptops, diverse Werkzeuge, die mit Strom funktionieren und auch die
Mikrowelle. Immerhin haben wir dann herausgefunden, dass es ein Gerät gibt, das
diese Fluktationen ausgleicht und ich kann nur sagen: das arbeitet den ganzen
Tag. Die Fluktuationen sind also quasi dauernd. Dieses Gerät ist ein echter
Lebensretter und verhindert zukünftige Desaster. Wie für alles gibt es in Kenia
auch die entsprechenden Fundis (Handwerker) und dieser scheint ein besonders
cleverer zu sein. Er hat es geschafft, alle Geräte wieder zu reparieren. In der
Schweiz hätten wir sie wahrscheinlich weggeschmissen, aber hier sind wir so
darauf angewiesen. Es war also ein absoluter Glücksfall ihn zu finden und die
CHF 70 (nicht 700…) bezahle ich gerne.

Wir
kommen endlich an der Biashara Road an und es scheint busier than ever zu sein.
Peter versucht den Nähmaschinenladenbesitzer zu kontaktieren, denn plötzlich
sieht man auch dessen Laden von aussen nicht mehr. Er kommt herbeigeeilt und
organisiert für Peter einen Parkplatz direkt vor dem Laden eines anderen. Dann
stapfen wir superschnell zum Laden, der jetzt total versteckt ist. Das Gebäude,
in dem er eingemietet war wurde abgerissen und er hat sich jetzt in sein
ehemaliges Lager zurückgezogen. Als Zeichen hat er draussen zwei Nähmaschinen
übereinander aufgetürmt aber die in diesem Wirrwarr zu sehen wäre unmöglich
gewesen. Ruth kriegt ihre Instruktionen vom Experten und er zeigt ihr alles,
was sie wissen muss um selber Superoverlock zu machen. Dieser Experte ist auch der Grund, weshalb der Ladenbesitzer alle 5 Minuten angerufen hat: er musste ihn auch bei Laune behalten und bestimmt auch zahlen. Zudem müssen die Muslims auch immer auf die Bet-Stunden Rücksicht nehmen…

https://youtu.be/-kiUfbwZWoI 

Sie ist aufmerksam dabei
und das scheint alles einen guten Lauf zu nehmen. Die Maschine wird jetzt
nochmals in drei Teile aufgeteilt, damit wir sie ins Auto hieven können.
Während sich die Männer darum kümmern müssen Ruth und ich vis-a-vis noch Öl für
die Maschinen, Faden und Stoff für Uniformen einkaufen. Also Laden ist etwas
viel gesagt: das ist einfach so ein Kiosk und es drängen megamässig viele
Kundinnen davor und kaufen wie wenn sie Geld zum Verschwenden hätten. Social
Distancing? You must be kidding… Der Einkauf dauert ewig, denn es muss ja auch noch gehandelt
werden und der Verkäufer ist nicht ganz sicher, wieviele Meter auf der Rolle
sind also muss er alles abmessen aber dafür ist fast sein Laden zu klein.

In
der Zwischenzeit haben vier Männer die Maschine eingeladen, die anscheinend
mega schwer ist wegen des Motors, der alleine schon einige Kilos wiegt. Auf
jeden Fall füllt sie den ganzen Kofferraum unseres Autos auf. Peter blockiert
jetzt natürlich die ganze Strasse und er wird übelst beschimpft von allen, die
hinter ihm sind: die in den Tuk-tuks, die in den Lastwägelchen, die liefern
müssen – es ist ein Riesenhupkonzert. Peter beschimpft die hinter ihm ebenso
lautstark und ich sehe, dass er nervlich vollkommen an seinen Grenzen ist.

Ich
traue mich also auch nicht zu fragen, ob ich noch ein bisschen lädelen könnte,
denn ich hätte zu gerne noch ein paar Kangas oder auch eine Dera (langes weites
Kleid) für mich gekauft aber sein Blick sagt alles: nur weg von hier. Er macht
nochmal eine Runde und Ruth und ich warten an der Ecke auf ihn.

Er ist nicht besonders glücklich aber ich bin natürlich
froh, dass wir mit dem Auto gekommen sind. Jetzt wo ich das Monster von
Maschine sehe weiss ich gar nicht wie wir auf die so absurde Idee kommen
konnten mit dem Matatu.

Wir nutzen die Gelegenheit und gehen im Naivas, dem grossen
Supermarket, einkaufen. Morgen Abend gibt es Thai Curry Barbara Style. In
diesem Laden ist es fast wie zuhause in der Migros oder im Coop. Ich finde
alles, aber alles hat seinen Preis. Ruth kommt fast nicht mehr aus dem Staunen
raus und sie ist auch beeindruckt, wie schnell ich shoppe… In no time haben wir
alles zusammen und können uns auf den Rückweg machen. Ich bin nudelfertig und
froh, dass 3 starke Männer die Overlock Maschine reintragen können. Ich bin
sicher, sie wird sehr sinnvoll eingesetzt werden.

Sodela – ich habe mich geoutet zu meinem grossen Kommafehler
und hoffe jetzt sehr darauf, dass ihr meinen Schaden etwas lindert. Ein kleiner
Beitrag und mein Fehler wird kleiner und kleiner. Und wenn ihr dann mal hier in
Marere seid, dürft ihr auf einen Gratis-Overlock-Saum zählen! Sogar einen
Superoverlock!

Danke fürs Verständnis und für die Unterstützung.

Bis zum nächsten Mal!