Erste Piki-Piki Fahrt

Ich habe dieses Jahr darauf verzichtet einen Swahili Lehrer zu nehmen, der mir die hochstehende Grammatik beibringt. Ich habe aber eine Variante entdeckt, an die ich vorher gar nicht gedacht habe: ich lasse alle Sätze, die ich brauche von Google übersetzen. Schliesslich ist das ein Vorteil vom Internet hier.

Danach kann ich die Sätze direkt brauchen und testen, ob sie verstanden werden. Ich könnte sie ja auch abspielen aber ich möchte sie selber üben. Es ist erstaunlich, wie gut die Übersetzung ist. So lerne ich wirklich die Sätze, die ich brauchen kann. Ich merke aber auch, dass ich so viele Wörter schon kann. Selbst in Kauma, nicht nur in Swahili. Auch bei meiner kleinen Ansprache in der Juhudi Schule hatte ich alles Sätze parat und sie haben mich super verstanden. Das ist jetzt eine Art und Weise, die mich wirklich weiterbringt.

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Meine Begrüssungsrituale funktionieren schon prima und das gibt immer Bonuspunkte bei allen Locals. Heute war mein Programm, Samuel dem IT Lehrer und Enrico, dem zukünftigen Social Media Manager beizubringen, wie man die Website vom Marere College mit WordPress updaten kann. Aber zuerst habe ich etwas ausgeholt und ihnen erklärt, was es alles braucht für eine Website. Sie hatten keine Ahnung von einer Domain, einem Host und einer Software mit der man Websites erstellen kann. Das ist hier auch wieder typisch: Samuel hat zwar in der Schule gelernt, wie man eine Website „programmiert“ aber wo man das dann anwenden kann war ihm total schleierhaft.

Das gab dann einige Aha-Effekte. Und als ich von Corporate Design gesprochen habe wurden sie hellhörig, denn das kannten sie gar nicht. Dass jede Farbe entweder durch einen RGB Wert zusammengesetzt wird oder einen Hex Wert hat fanden sie vollkommen unglaublich. Wie kann es sein, dass in einem blau die Farben R=Rot G=Grün und B=Blau enthalten sind? Sie konnten es fast nicht fassen. Also Farbenlehre war wohl nicht ein Teil irgend eines Programms. Als ich ihnen erklärt habe, dass man auch für eine Domain und ein Hosting bezahlen muss waren sie etwas desillusioniert, denn dieses Geld haben sie natürlich nicht und sie können es auch nicht wie die Software irgendwo illegal runterladen.

Samuel habe ich dann noch gezeigt, wie er in Canva ein superprofessionelles CV erstellen kann und er ist grad um ein paar Zentimeter gewachsen.

Enrico macht momentan gerade eine Fahrschule und als ich gefragt habe, wie man dann die Prüfung absolviert meinte er, man müsse einfach richtig ins Auto sitzen und dann etwa 2 Fragen beantworten. Gross rumfahren oder sogar einparken oder ähnliches machen ist nicht gefragt. Die ganze Ausbildung kostet etwa CHF 100 und dann wird man auf die Leute losgeschickt. Ich glaube ein bisschen Theorie und die Schilder erklären muss man auch noch und fertig ist es… Kein Wunder fahren die so, wie sie fahren. Und kein Wunder kennen sie kein Pannendreieck sondern legen einfach Blätter auf den Boden, damit man merkt, dass da etwas nicht stimmt und hoffentlich langsamer fährt.

Dann stand heute meine erste längere Piki-Piki Fahrt an. Peter war an einer Veranstaltung (wie immer) und das Auto nicht verfügbar. Lisa kam aber extra früher von der Schule nachhause, weil sie sich den Markt in Dzitsoni ansehen wollte. Mbuche war auch schon schön geschminkt und bereit auf den Markt zu gehen. Also haben wir zwei Piki Piki bestellt: eins für Lisa und Mbuche und eins für mich. Ich war erstaunt, wie bequem es auf diesem Ding war. Auf der kurzen Strecke zum Markt waren wir natürlich die grosse Attraktion: all riefen und winkten und lachten. Ich hörte sie flüstern: das ist die Frau von Peter Shehe, das ist Mama Kaya. Ich amüsierte mich selber auch sehr und war stolz, dass ich es einigermassen elegant wieder von dem Ding runter schaffte. Die Feuertaufe habe ich bestanden. Da ich schon einmal selber nach Kilifi gefahren bin stehen mir nun alle Fluchtwege offen.

Lisa hatte im Sinn, Sandalen zu kaufen, die sie an den Schülern gesehen hatte. Aus Leder mit einem kleinen Teil über den grossen Zeh. Das stellte sich aber als ein schwieriges Unterfangen heraus. Die einzigen Schuhe in die Richtung waren für ganz grosse Füsse und die für Frauen waren mit glitzrigen Perlen oder dann aus Plastik. Es wurden alle mobilisiert, die auf diesem Markt verfügbar sind. Es hiess, dass wir nach Maasai Schuhen suchen müssen und es wurden alle Maasai mobilisiert, die verfügbar waren. Am Schluss kamen sie mit Schuhen daher, die fast richtig waren: aber sie waren weiss und hatte beim Zeh noch ein Blümchen drauf. Nicht wirklich das, was Lisa suchte.

Beim Kokosnuss kaufen verstanden ein paar Frauen, dass sie Idza heisst (nicht Lisa) und ein allgemeines Geschrei ging los: Was, du heisst wie die erste Tochter von Peter Shehe? Dann heisst du auch so wie meine erste Tochter!!! Bis wir aufgeklärt hatten, dass sie alles falsch verstanden hatten war die Aufregung schon im vollen Gange.

 Es ist einfach herrlich, wie die Leute hier lachen können. Laut ud aus voller Kehle. Da passt auch mein lautes Lachen gut. Plötzlich tauchte eine ehemalige Schülerin vom Marere College auf und kam auf mich zu: sie war meine absolute Lieblingsschülerin (vielleicht erinnert ihr euch noch: sie hat ganz selbstbewusst „You raise me up“ losgesungen) zur Stelle. Sie kann momentan nicht zur Schule kommen, weil wir zu wenige IT Schüler:innen haben und sich daher ein Lehrer nicht lohnt. Das tat mir so leid aber es ist einfach so, dass wir für eine einzelne Schülerin keinen Lehrer bezahlen können. Wie unser 60-jährige Voluntär auch in seinem Bericht festgestellt hatte, ist eine IT Ausbildung vielleicht nicht das, was es in dieser Gegend als Erstes braucht. Aber Mariam ist so intellingent. Sie hat einen eigenen Laden mit Schönheitsprodukten und so statten wir ihr mindestens auch noch einen Besuch ab. Sie verkauft auch Schmuck und so kaufte ich für 100 Shilling (CHF 1) 10 Ohrringen, von denen ich dann die Hälfte Mbuche verschenkte. Im Laden nebenan hatte es wieder Deras (die langen bequemen Kleider) und ich kaufte Mbuche eins für Ksh 300 (CHF 3) und liess für mich noch ein Extra Modell anfertigen. Lisa verwöhnte uns mit kalten Softdrinks und nachdem wir fast jeden Stand (am Boden) begutachtet hatten und uns über die Farben und die teilweise aufgebretzelten Frauen amüsiert hatten machten wir uns schon wieder auf den Rückweg.

 Das Abenteuer Piki-Piki hat Spass gemacht und Peter war ganz schön erstaunt, dass ich diesen Ausflug gewagt hatte, obwohl er mir es doch immer „verboten“ hatte… Aber wenn er nicht da ist, dann macht die Frau halt was sie will…

Meine Hoffnung war ja, dass er im Januar noch nicht so extrem am Kapagne machen ist aber da habe ich mich natürlich getäuscht: der Auftakt ist gemacht und er muss fast täglich irgendwo hin für die Wahlen. Heute hatte er wohl selber die Schnauze voll und hat die Leute in Pendeza ziemlich „zusammengeschissen“. Sie wurden von den Gegnern wieder mal damit aufgestachelt, dass sie behaupteten Peter habe vom Deputy Präsident an dessen Besuch Millionen von Schillingen erhalten. Dann hat er ihnen eine Lektion erteilt und ihnen gesagt, dass sie sich einfach von Problemmachern beeinflussen lassen und dass sie ja wählen könnten wen sie wollen, wenn sie ihm nicht vertrauen. Das hat dann am Schluss doch noch ein grosses Geklatsche ausgelöst.

Ich bin – wie fast immer in Kenia – gespalten: die Politik fasziniert mich, ich habe Spass daran, das Manifest für Peter zu schreiben und schön zu gestalten und ich diskutiere auch gerne mit den Leuten darüber, was denn wohl wichtig ist in der nächsten Wahl und was sie sich wirklich wünschen. Aber die ewigen Meetings mit so vielen Leuten und die dauernde Belagerung durch Leute (von 07.00 Uhr morgens bis um 23.00 Uhr abends) geht mir bös auf den Keks und es wird sich in den nächsten Monaten bestimmt noch verschlimmern. Daher bin ich ganz froh, bin ich nur noch knapp 4 Wochen hier und habe in dieser Zeit auch noch einiges zu tun für mich privat und für die diversen Ämter wie Marere College, Pro Ganze und Peter. Ich habe mich dann auch noch beim Graben machen betätigt um zu zeigen, dass ich auch noch etwas handwerkliches Geschick habe. Im Graben wird dann Plastik reingelegt, das geschnittene Gras aufgestapelt und Malz daraufgegossen. Dann wird es gestampft und daraus wird ein Futter für die Kühe. Bei den heissen Bedingungen ist es sonst unglaublich teuer immer Tierfutter zu kaufen. Mein Einsatz hat mir die Bewunderung der Frauen eingebracht. Aber die Bewunderung ist ganz meinerseits. Sie werden noch den ganzen Tag an der Sonne weitergraben und schaufeln wie die Verrückten. Ich habe nach 10 Minuten schon Rückenschmerzen und dunkelrote Hände aber ich musste mich da auch mal beweisen.

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Das Leben in Marere ist und bleibt anstrengend aber ich meistere es dieses Mal mit mehr Gelassenheit als auch schon.