Du gibst den kleinen Finger

Ich muss einfach diese beiden lustigen Begebenheiten
beschreiben. Anscheinend bin ich nur langsam lernfähig.

Episode 1

Unser IT Lehrer Simon ist extrem fleissig. Tag für Tag
arbeitet er mehr als er müsste und er kommt immer mit neuen Ideen und
Verbesserungsvorschlägen. Auch beim Zusammenstellen des Einführungsprogramms
hatte er super Input, z.B. dass man „First Aid“ lehren könnte. Er habe das
gelernt und das ist bestimmt etwas, das mega nützlich ist. Ich mag seine Art
sehr.

Irgendwann hat er zu Peter gesagt, dass er wirklich nichts
mehr zuhause habe zum Essen. Ich wollte ihn also nicht hungrig nachhause gehen
lassen. Aber ich habe jetzt auch nicht gerade etwas im Kühlschrank, dass ich
ihm als Snack geben könnte. Meistens essen wir das Brot auf, das es schlecht
haltbar ist und ich habe auch keinen Käse oder Bündnerfleisch im Kühlschrank
(leider).

Also denke ich mir, dass ein Müesli sicher noch nahrhaft
sein könnte. Ich gebe ihm den Müeslipack, eine Tüte Milch und ein kleines
Joghurt und erkläre ihm, wie er das mischen kann. Er ist extrem dankbar und
sagt, er würde es im IT-Raum essen (er würde auch nie einfach so in die Wohnung
reinkommen, nur wenn ich ihm ausdrücklich die Erlaubnis dafür geben. Das finde
ich gar nicht so schlecht). Ich bin froh, dass ich ihm da aus der Bredouille
helfen konnte und das dann in meiner Wohnung zu essen wäre wahrscheinlich nicht
„appropriate“.

Am nächsten Morgen mache ich das Frühstück parat, aber ich
kann das Müesli nicht finden. Da kommt mir in den Sinn, dass Simon das ja mit
in den IT Raum genommen hatte. ich frage also nach dem Schlüssel für den Raum
und Simon kommt daher und fragt, was ich brauche. Das Müesli von gestern… oups,
ahhh, ääähm: sorry, aber das ist bei mir zuhause – zusammen mit der Milch…

Kann ich ihm da böse sein? Nein, natürlich nicht –auch wenn
es ein verdammt teures Muzungu-Müesli war und ich immer ganz sparsam davon
konsumiert habe!

Episode 2

Dann habe ich gestern 3 Riesenmelonen gekriegt. Ich glaube,
die drei haben einen Franken gekostet. Weil Peter gar nicht gern Wassermelone
hat machte Mbuche den Vorschlag, dass wir Sorbet daraus machen könnten. Das nehme
ich mit meiner super Saftmaschine in Angriff. Es ist diese geniale Maschine von
Betty Bossi. Es ist nicht nur eine Zentrifuge sondern sie presst die Früchte
und das Gemüse richtiggehend aus und teilt den Saft von den Kernen etc. Für
Passionsfrüchte ist sie der ultimative Hit. Ich zerhacke also schon mal eines
der drei Melonenmonster und mache schon etwa 2 Liter Saft draus.

Draussen
sitzen die Mitarbeitenden und essen Lunch. Ich esse hier nur Morgens und Abends
– das reicht vollkommen. Aber sie sitzen da gerade genüssliclh mit Ugali und
Fisch. Da finde ich, ich könnte ihnen doch auch ein bisschen Melone zum Dessert
geben. Auf die Frage: „mag jemand Wassermelone“ brechen sie gleich in
Begeisterung aus. Ich gebe Moses dieses Riesending und mache mit Saftpressen
weiter. Ich gehe dann raus und möchte den Rest holen um ihn zu verwerten aber
oha: das Riesenviech ist schon ganz geschlachtet und verteilt und alle saugen
an Riesenstücken, auch die kleinsten und dünnsten Frauen. Anstatt böse zu
werden kriege ich echt einen Lachanfall.

Sie wundern sich, was es denn da zu
lachen gäbe und so erkläre ich ihnen, wie das in der Schweiz laufen würde. Wenn
du fragst: möchtet ihr auch ein Stückchen, dann würde Jede und Jeder ein
kleines Stück abschneiden und den Rest zurückgeben – aber hier ist es eher so:
wenn es schon mal was (gratis) zu essen gibt: dann sofort zuschlagen und alles
vertilgen. Also jetzt finden sie das genau so lustig wie ich und krümmen sich
echt vor Lachen. Da sie auch ein bisschen peinlich betreten dreinschauen erkläre
ich ihnen dann auch noch, dass es vollkommen ok sei, weil ich ja noch genügend
übrig habe, aber dass es einfach ein grosser Unterschied zur Schweiz sei und
dass ich ja nie gesagt habe, sie sollen nur ein kleines Stüchchen nehmen. Das
beruhigt sie dann auch wieder und sie gehen ohne schlechtes Gewissen zurück zur
Arbeit.

Episode 3

Ab und zu koche ich, meistens kocht Mbuche und manchmal ist
es ein Gemeinschaftswerk. Der Reiskocher, den ich in der Schweiz fast entsorgt
hätte macht hier super Dienste. Es geht schnell, man muss es nicht
beaufsichtigen und der Reise wird richtig schön flockig und einfach perfekt.
Das spart einiges an Ärger und Platz. Mbuche hat also was Feines gekocht und
ich möchte heute den Reis schön anrichten. Also mache ich mit einem Schüsselchen
schöne Güpfli und richte sie auf den Tellern an und sage Mbuche, sie könne sie
raustragen. Sie macht das schon mal mit 4 Tellern und ich komme dann noch mit 2
Tellern mehr zum Tisch, an dem wir alle essen. Und was sehe ich da: meine
Güpfli sind wieder schön mit dem Löffel zerhackt bevor das Fleisch drauf kommt.
Kurz bevor ich eine Krise kriege und mich nerve kommt er wieder: dieser
befreiende Lachanfall. Ich erkläre dieses europäische „Gehabe“ und das löst
wieder eine Lachsalve aus für alle. Am nächsten Tag versucht dann Mbuche ebenso
schöne Güpfli zu machen…

Diese Dinge erheitern nicht nur meinen Tag, sie zeigen mir
auch immer wieder auf, wie viele unbewusste Vorurteile (Neudeutsch Unconscious
bias) bzw. vorgefertigte Meinungen wir haben zu verschiedenen Dingen.

Und das macht das Leben einfach reicher und spannender,
jeden Tag! Ich wünsche euch auch interessante Erfahrungen der anderen Art!