Dec 11, 2020: Was juckt es dich?

Ich kam dieses Jahr in puncto Gesundheit mit einem etwas mulmigen Gefühl nach
Kenia, da ich ja die Situation bezüglich Corona nicht sicher kannte und mir
vorstellen konnte, dass es dramatisch wird, wenn du hier ins Spital musst.

Ich habe es hier schon mehrfach erlebt, dass ich zu einem Arzt
musste. Eigentlich jedes Mal, denn es gab zig Gründe: von einer Wunde, die sich
hier wieder öffnete über entzündete Mückenstiche bis hin zu Blasen- und anderen
Entzündungen und letztes Jahr zu unglaublichen Hauterkrankungen, die für mich
auch neu waren.

Ich habe sowieso eine sehr sensible Haut: weisser als weiss,
empfindlich und sehr schnell gereizt. Meine Hautärztin weiss meistens Rat und
kann mir die korrekten Mittel geben aber selbst sie hat nicht immer für alles
eine Lösung. Und so habe ich vor einem Jahr eine Diagnose von irgendetwas
Chronischem erhalten, das mich auch in der Schweiz immer plagt. Als ich noch
beim Check-up war und den Corona-Test machen liess habe ich mich beim Hausarzt
auch mit allen möglichen Medikamenten eingedeckt, die ich hier brauchen könnte:
von Antiobiotika über Einmaldosis gegen Blasenentzündung bis hin zu Sälbeli und
Cremli, die ich schon mal benutzt hatte. Ach ja und Motilium und Immodium, denn
das eine oder andere Magensymptom wird bestimmt auch wieder auftreten. Zudem
habe ich geschaut, dass ich alle Liebscher & Bracht Übungen gegen
Rückenschmerzen, Knieschmerzen etc. heruntergeladen habe um auch dagegen
gewappnet zu sein. Über die Ernährung weiss ich ja auch mehr Bescheid seit
meienr Darmsanierung und so fühlte ich mich richtig gut ausgerüstet:

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ich staune nicht schlecht, als draussen eine Frau sitzt, die
ganz langsam am Abzählen von Medikamenten ist: Neugierig wie ich bin frage ich
nach, was das ist und sie erklären mir, dass das eine Einmaldosis gegen
Elephantitis ist. Also sorry, aber da kommt mir grad der Film „The Elephant man“
in den Sinn – ich weiss noch, wie mir der Eindruck machte und mich so traurig
gestimmt hat. Es geht darin um einen vollkommen deformierten Mann, der in einer
Freakshow zur Schau gestellt wird obwohl er eine sensible Art hat und
intelligent ist. Das war genau diese Krankheit – ich habe aber auch schon
Bilder gesehen und einmal eine Frau im echten Leben, die solche Beine hatte.
Einem Mann wie dem auf dem Flyer bin ich noch nicht begegnet aber sie erzählen
immer von einem, der in Kauma lebt und das Problem hat… ich erspare euch die
Details. Ich frage nach, woran das liegt und da ist sie wieder: diese
verfluchte TseTse Fliege, die auch diese Krankheit übertragen kann, wenn sie
vorher von einer Person Blut gesaugt hat, die diese Krankheit hat und dann
jemanden sticht, der gesund ist.

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Ich überlege im Fall keine 2 Sekunden, ob ich diese Pille
schlucken soll und setze mich auch auf die Liste und nehme diese Dosis ein im
Sinn von: nützts nüüt so schadets nüüt… Vielleicht sind jetzt einige von euch
schockiert aber für mich macht es Sinn, dass ich genau so gefährdet sein könnte
wie die Leute hier. Es ist also auch fast eine Solidaritätsbekundung! Mich
fasziniert aber total, dass diese Verteilung überhaupt stattfindet und
irgendwie zu funktionieren scheint. Wie kann diese Frau – die übrigens recht
gut Englisch spricht – sicher sein, dass sie wirklich in jedem Käffli, in jedem
Weiler, bei jeder Familie gewesen ist mit ihren Pillen? Die Antwort ist: wir
haben unsere Wege.. Klasse finde ich das. Zugegeben ich google noch ein
bisschen über diese Krankheit aber ich glaube, ich habe hier richtig gehandelt.
Und es ist nicht so, dass ich mich jetzt deswegen gegen Corona impfen lassen
werde. Das überlege ich mir dann noch länger und besser bevor ich es mache. Ich
habe mich noch nie gegen Grippe geimpft aber wer weiss: mit fortgeschrittenem
Alter und je nachdem, in welchem Umfeld ich lebe werde ich es doch noch mal
machen. Warten wir’s ab!

Aber ich habe ja schon zu Anfang von dieser Reise
geschrieben, dass ich mit einem anderen Mindset gekommen bin: ich fühle mich
dieses Mal viel mehr nach „Nachhause kommen“ und ich bin auch mit der
Einstellung gekommen, die Dinge mit einer Leichtigkeit anzugehen und nicht mit
einer defensiven Haltung. Also stecke ich die paar Mückenstiche auch weg und
behandle sie mit dem „bite away“ Stift, der wirklich extrem nützlich ist. 5
Sekunden einen Hitzeschub auf die entsprechende Stelle und nichts kratzt mehr.
Für mich, die manchmal die Disziplin NICHT zu kratzen eben nicht hat eine wahre
Wohltat – empfohlen von meinen Freunden, die sich in Kanada fast auffressen
lassen mussten von Mücken. Das Mückenband, das ich schweineteuer in der Schweiz
gekauft habe scheint auf die Schweizer Mücken besser zu reagieren als auf die
kenianischen. Ich spüre dadurch keine besondere Verbesserung, aber ich muss
noch eine Langzeitstudie machen. In der ersten Nacht habe ich auch fast keine
Stiche, denn wir haben ja jetzt unser wunderbares „Himmelbett“ aus Nairobi hier
mit einer festen Matratze und dem Baldachin, der als Mückennetz fungiert. 

Nur
ist das Problem, dass der Stoff überhaupt kein Moskitonetzstoff ist sondern ein
Vorhangstoff, der null, aber auch wirklich null Wind vom Deckenventilator
durchlässt. Ich erwache also mehrmals in der Nacht pflutschnass und tropfend
von Kopf bis Fuss. Ich kriege fast Erstickungsängste aber ich traue mich dann
auch nicht mitten in der Nacht aus meinem geschützten Raum hervorzukommen… Also
so geht es nicht weiter – das Ding muss weg. In der nächsten Nacht spüre ich
den kühlenden Ventilator und schlafe um einiges besser aber Peter ist in Panik,
denn er verdächtigt ja jede noch so kleine Mücke schon als malariaübertragendes
Monster und hüpft jeden Abend mit seinem riesigen Doom Spray in der ganzen Wohnung
rum… Wir beschliessen, eine Offerte für ein richtiges Moskitonetz einzuholen und
sonst mit dem Vorhang und einem Standventilator unter dem Netz zu operieren…

Am nächsten Tag will ich meinen Mückenstiche behandeln aber
oh Schock: die ganze rechte Seite ist übersät mit roten Punkten. Hätte ich die
Wilden Blooteren nicht schon gehabt: ich würde annehmen, dass es das sein
könnte. Es juckt und das Gefühl ist die Hölle… ich tippe wieder einmal auf
Bettwanzen oder Sofawanzen, denn das Sofa aus Nairobi hätte ich lieber gar
nicht erst in unserem Haus gehabt und jetzt ist auch noch der Teppich da und
ich kriege alleine beim Anblick dessen Ausschläge am ganzen Körper… 

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ich
verschenke ihn unter Peter’s Protest an unsere Haushalthilfe Mbuche, die schon
wieder Weihnachten hat!!! Sie zeigt mir dann ein Foto von ihrem Haus und – wie ich
vermutet habe – ist es ein Haus aus „Mud“ mit einem Makuti-Dach aus
Palmblättern, wie sie hier in den Dörfern üblich sind. Der Teppich wird sich
dort wunderbar machen bis er dann vollkommen von Termiten zerfressen ist… sorry
für den Sarkasmus aber ich muss mich grad wieder kratzen wenn ich daran denke.

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Ich lasse mir von meiner Hautärztin in der Schweiz eine Hautdiagnose
machen und sie tippt – einmal mehr – auf Wanzen und sagt mir, wie ich die
behandeln kann – aber sie müssen auch entfernt werden… Wir machen uns jetzt auf
Wanzenjagd, bringen Matratze und Sofa nach draussen, sprayen alles ein und doch
bin ich noch nicht ganz so beruhigt, weil ich einfach das Gefühl habe, diese
Viecher seien überall drin. Momentan warte ich grad noch auf den Bescheid des
kenianischen Arztes – anscheinend muss er viele Bücher konsultieren, denn seine
Antwort dauert und dauert… aber was juckt es mich? Ich singen vielleicht noch
ein bisschen: Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt ne kleine Wanze…. Daran
erkennt man wohl, dass es in der Schweiz diese Mistviecher auch noch zu unseren
Grossmutter-Zeiten gab – sonst wäre das Lied wohl nicht entstanden.

https://www.youtube.com/watch?v=47Ixj5U4EI8&ab_channel=KinderliederzumMitsingenundBewegen

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