Dec 2, 2020: Wieder zuhause

Wenn ihr meinen Blog regelmässig befolgt, dann wisst ihr auch, dass ich jedes Mal kurz vor der Abreise noch ein Riesenpuff habe, weil die Menge, der Dinge, die ich mitnehmen möchte nicht mit dem übereinstimmt, was ich mitbringen darf. Seit Januar 2019 ist die Regelung, dass man nur noch 1×23 kg mitnehmen darf. Zu schade, denn vorher habe ich es als Privileg angesehen 2×23 kg mitschleppen zu dürfen. Wie soll denn jetzt alles, was hier auf dem Boden liegt in einen Koffer rein?

Ich kann es drehen wie ich will: gewisse Dinge müssen wohl zuhause bleiben, denn 1 Koffer ist für die Trinkwasseraufbereitungsanlage reserviert, die wir von einem Hilfswerk gesponsert kriegen. Ich muss da schon Kompromisse machen, denn eigentlich erhalten wir 2 Anlagen, die dann Trinkwasser produzieren werden: 1 grosse für Marere und 1 kleinere für Goshene, aber es passt wirklich nur eine rein und die andere bringe ich mit zum Flughafen und werde sie bei Onkel Peter zwischenlagern. Wer immer dann als nächstes nach Kenia geht wird sie mitnehmen. Ich nutze alle Kapazitäten aus: 8 kg (und ein paar geschummelte Kilos) Handgepäck, eine Laptoptasche (ist bei mir ein Rucksack, der sicher auch noch mal 5 Kilo wiegt…) und dann nehme ich mein medizinisches Atemgerät gegen Schlaf-Apnoe noch zusätzlich mit und hoffe auf Mitleid-Bonus, wenn ich sage was es ist…

Die Wohnung muss ich auch noch in Schuss bringen, denn ab Ende Dezember zieht die Tochter einer Freundin ein für 6 Wochen. Also bin ich am Putzen, Waschen, umbeigen von Kleidern (sie braucht ja auch ein leeres Schrankteil) etc. etc. Ich habe meine Wohnung noch nie fremdvermietet – es ist ein spezielles Gefühl, aber ich bin kein ängstlicher Mensch und daher lasse ich mich auf dieses Experiment ein. Ich habe ein 8-seitiges Dokument kreiert, das alles erklärt, was eine Frage aufwerfen könnte in meinem Haushaltl – spannend, wie man plötzlich anders durch die Wohnung geht…

Als meine Freundin Annette mich abholt bin ich richtig geschafft… 4 Riesenkoffer, und 3 Handgepäck – alleine würde ich es nicht einmal bis zum Flughafen schaffen – aber sie hilft mir bis in den Zug rein und beim Aussteigen habe ich auch Hilfe. Onkel Peter ist am Flughafen und nimmt mir den Koffer mit der Wasseraufbereitungsanlage ab und nachdem ich eingecheckt habe können wir noch käfelen. Wobei Einchecken ist ja auch nicht so einfach: Pass, Ticket, Covid-Test Negativ, Einreise nach Deutschland und wo ist der QR Code für die Einreise in Kenia? Ich erhalte einen Link zu einer Website und muss endlos Fragen beantworten zu meinem Gesundheitszustand und meinem genauen Aufenthaltsort. Die Dame am Check-In ist mega freundlich und sie berechnet mir nichts für das Zusatzgepäck… Die Freude ist aber nur kurz – in Frankfurt muss ich dann €200 bezahlen für den zusätzlichen Koffer… Der Flug verläuft echt super – ich bin total überrascht, da ich diesen Weg noch nie gemacht habe: Zürich-Frankfurt (Swiss)-Addis Abeba-Mombasa (Ethiopian Airlines). Aber etwas gespenstisch sind die Flughafen schon: fast alle Läden geschlossen, fast keine Menschen – erst auf dem letzten Flug ist es fast voll. Auf dem Flug FRA-ADD kann ich aber wirklich ein paar Stunden schlafen, da ich eine ganze Sitzreihe für mich habe – ich weiss auch nicht, wann mir das das letzte Mal passiert ist. Ich bin überrascht: es ist fast Business as usual – einfach mit Maske und viel Papierkram. Aber ich komme in Mombasa an und ersticke fast vor Hitze. Ich habe Glück: die Wasseraufbereitungsanlage lenkt die ganze Aufmerksamkeit auf sich und daher schauen sie gar nicht in den anderen Koffer. Sie wollen mir Einfuhrzoll berechnen aber ich jammere und winde mich und als der Supervisor kommt habe ich Glück: It is for charity? Ich jammere noch mehr vor, wie arm die Menschen in Ganze sind und dass es doch nicht fair wäre, viel zu verlangen und siehe da: er winkt mich durch und ich bin endlich – nach ziemlich genau 24 Stunden angekommen – nach Marere ist es dann nochmals eine gute Stunde! Zum ersten Mal fühlt es sich an wie nachhause kommen: In Marere werden mir alle neuen Errungenschaften gezeigt: das Küchengebäude auf das Peter mit Recht stolz ist: in nur 3 Wochen wurde es erbaut und sieht top aus – Peter hat davor noch ein Zelt aufgestellt, wo die Leute dann essen können (wenn es dann mal Stühle und Tische hat). Jetzt fehlt noch die Inneneinrichtung aber dafür hat Peter auch schon jemanden gefunden, der mit „Jikos“ Erfahrungen hat. Es wird etwas ganz Besonderes – in der Umgebung haben sie sich schon gefragt, ob sie in diesem schönen Haus auch eine Matratze bringen könnten zum Übernachten!

Dann lerne ich einen am anderen kennen: Ruth, die Leiterin der Nähschule, Kelvin den Leiter der IT Schule und eine ganze Menge anderer Personen, die für das CBO Kauma arbeiten (Community Based Organisation). Es wuselt richtig im Community Center. Auch die Arbeiten am Mast für das WLAN sind im Gange. Das war aber ein langer langer Weg – etwa so lange wie der Mast, der nochmals um 10 Meter erweitert werden musste um Empfang zu haben. Alleine der Sensor, der oben drauf kommt kostet CHF 120!!! Wir hatten gewusst, dass WLAN installieren keine einfache Sache wird aber jetzt zieht sie sich schon lange dahin und ich weiss: Peter wollte mich überraschen mit einem laufenden WLAN… So behelfe ich mir halt immer noch mit „Bundles“, die ich bei Safaricom teuer kaufe und die mich pushen, meine WhatsApp Nachrichten etc. schnell zu schreiben und wenig zu surfen… Bei mir stimmt die Aussage: Home is where WLAN ist auf jeden Fall und ausser meinem Namen „Mama Kaya“ sagt man mir auch manchmal „Mama Digital“… Aber jetzt erhalten ich von den „Enkeln“ noch einen zusätzlichen Namen: die kleine Kwekwe ist jetzt auch schon 2 Jahre alt und sie versteckt sich hinter unserer Haushaltskraft Mbuche und ruft die ganze Zeit: ich habe Angst vor Nyanya(Grossmutter) Muzungu (Weisshäutige) – so wie sie lacht meint sie es aber nicht so ernst. Für mich hat das Wort Muzungu immer auch ein bisschen etwas Despektierliches bzw. es grenzt ein bisschen aus. Aus der Überlieferung bedeutet es „schwindelig“ oder „Taumel“ und wurde für die europäischen Forscher im 18. Jahrhundert das erste Mal angewendet, weil diese immer unterwegs waren und es als „ziellos herumwandernd“ gedeutet wurden. Heute hat es diese Bedeutung weniger und wird einfach für alle Nicht-Subsahara-Schwarz-Aussehenden verwendet.  Aber ein bisschen nervt es mich trotzdem, denn Mama Kaya will ja integriert sein… Spannend, wenn man wieder mal auf der anderen Seite der Integrationsfrage steht… Es beginnt also ein Spielchen mit der Kleinen und sie zeigt dann erst, dass sie Zutrauen hat als wir beim Schweissen zuschauen und die Funken fliegen – ab dann hängt sie dauernd an meinem Rockzipfel…

Das ultimative Willkommensgefühl kommt dann als ich in unsere beiden Zimmer gehe und die Möbel und den Kühlschrank aus Nairobi entdecke, die diesen Sommer geliefert wurden und das Bild auf dem Bett, das mein zukünftiger Swahili Lehrer gemacht hat aus Blumen und Handtüchern: Karibu Nyumbani! Willkommen Zuhause – und so fühle ich mich gerade auch! In meinem Zuhause!!!