On my way to school – Habari-Weg

Video vom Weg nachhause:

https://youtu.be/bISddSH7XFM

Am Freitag war es das dritte Mal, dass ich Lisa zur Schule begleitete. Es ist mein Morgenfitnessprogramm und verschafft mir 6000 Schritte. Das ist schon mal ein guter Tagesstart. Pro Weg dauert es 20 Minuten entlang der roten Strasse. Am ersten Morgen war Mbuche dabei und hat uns eine kleine Abkürzung gezeigt. Ich mache mich ja immer über die „Grüezi-Wege“ in der Schweiz lustig. Wanderwege oder ein Spaziergang am See, bei dem du alle paar Minuten „Grüezi“ sagen musst, weil du nicht unfreundlich wirken willst. Aber dieser Weg stellt sich jetzt natürlich als ein „Habari“ Weg heraus. Habari za Asubuhi? Wie geht es heute Morgen? Habari za leo? Wie geht es heute? Habari gani? Was hast du für Nachrichten? Oder wenn ich Lust auf einen vollen Auftritt habe: Ich: La mukadze? Antwort: La Muka Ich: eeehhh Antwort: simanjawe Ich: ndo vidzo. Und um noch einen draufzulegen: Kuchereruadze? Antwort: Chererua. Ihr könnt euch vorstellen, dass ich das nicht immer anwenden kann sonst komme ich gar nicht vorwärts. Dann muss ich bei jedem dritten Piki Piki Fahrer erklären, dass ich nicht bei ihm Aufsteigen möchte und bei einigen auch noch weshalb ich nicht aufsteigen möchte. Lisa war einmal nicht so erfolgreich, denn die beiden Jungs haben ihr gesagt: aber komm doch mit, wir arbeiten ja auch in Marere und müssen dort hin und so hat sie sich zu einer Mitfahrt hinreissen lassen, nachdem die Ihre Frage: „can you drive“ mit einem zögerlichen „yes we can“ beantwortet hatten. Da sie die Toilette in Juhudi verständlicherweise nicht benutzen will und auch einen Sonnenbrand vom Vortrag hatte war es trotzdem eine verlockende Einladung, in kürzester Zeit zuhause anzukommen.

Es stellte sich heraus, dass die Aussage „yes we can“ überhaupt nicht wahr war und sie wussten auch nicht, dass man bei einem Speedbump am Boden (und von denen hat es viele) verlangsamen muss und sie gerieten auch mehrfach ins Schwanken. Lisa erreichte auf dem Hintersitz ungeahnte Höhen (saugefährlich) und sah sich schon mit Schürfwunden, die sich dann bestimmt infizieren würden, im Spital landen. Ihr Wunsch: please stop wurde ignoriert und sie musste ganz energisch werden und drohen mit: ich springe ab bevor sie dann anhielten und sie die restlichen Schritte nach Marere zu Fuss machen konnte, nur um dann zitternden und sichtlich wütend zuhause ankam. Ich machte eine kurze Sherlock Holmes Arbeit nachdem ich die beiden schon mal vorsorglich zusammengeschissen habe, weil sie die Frage „Do you have a license“ mit einem kleinlauten „no“ beantworten mussten.

Ich fand in kürzester Zeit heraus, dass der eine Juma, der mit unserem Piki Piki Brot verträgt ihnen den Schlüssel direkt gegeben hatte. Eigentlich hatten sie eine Aufgabe von Herrn Mangi zu lernen, wie man Kerzen auswechselt. Das gehörte wahrscheinlich zur Überprüfung, ob die Kerzen jetzt auch tatsächlich funktionieren. Jetzt hörten sie was passiert, wenn bei Barbara die Kerze rausspickt. Ich glaube kaum, dass so etwas nochmals vorkommen wird. Ein Bubenstreich ok, aber es hätte richtig schlimm rauskommen können… Zum Glück war Peter gar nicht da – er konnte dann nachher seinen ZS nur noch an Moses ausweiten, der nämlich für die Schlüssel verantwortlich wäre…

Aber auch wenn unser Marktausflug mit dem Piki Piki Spass gemacht hatte: ich würde keinem hintendrauf sitzen und ich denke Lisa auch nie mehr. Vielleicht kommt dieser Punkt auch noch in mein Willkommensschreiben, das ich für die Studentinnen vorbereitet habe…

Meistens nützt am meisten wenn ich nicht mitfahren will und sage: I would like to keep fit und das stimmt ja auch. Sonst würde ich nicht freiwillig an einer solchen Dreckstrasse entlang laufen, bei der ich bei jedem vorbeifahrenden Lastwagen zur Seite springen muss und danach fast am Staub ersticke. Bei jedem Rascheln im Gebüsch stelle ich mir vor, es könnte ein Schlange sein und bin froh, wenn es nur ein Huhn ist. Und ich bedanke mich beim Himmel, wenn er bewölkt ist, denn die 20 Minuten an der vollen Sonne wären eine echte Strapaze für mich. Ich habe aber seit dem 2. Mal Wasser mit dabei, was mich denn auch sofort dazu brachte, schneller zu laufen, da ich ein Zucken im Bauch verspürte… Ich bin zwar immer vorsichtig und trinke nur aus abgefüllten Flaschen, aber auch die könnten mal einen Käfer drin haben. Letzthin musste ich eine Flasche entsorgen, weil sie einen so abartigen Geruch hatte…

Es gibt natürlich auch viele schöne Begegnungen auf diesem Weg. Fast überall wäre ich eingeladen: Karibu ertönt es überall und ich fühle mich tatsächlich willkommen. Die Kinder sind interessiert an der Muzungu und wenn sie in die falsche Richtung laufen, dann weiss ich auch weshalb: entweder sind sie krank oder es ist irgendein Betrag fällig, den sie nicht aufbringen konnten. Einer kommt mir mit dem Piki Piki entgegen, das er stösst: hast du ein Problem? Ja, kein Benzin und er zuckt mit den Schultern und stösst es dann halt weiter bis mindestens zum 40 Minuten entfernen Beria… Immer und immer wieder geht mir der Film „On the way to school“ durch den Kopf, den ich schon mehrfach erwähnt habe, aber den ich auf die Liste der „Vorbereitungsfilme“ für Kenia nehmen werde. Genau so wie Paradies: Liebe von Seidl – aber das ist dann ein ganz anderes Thema. https://www.ardmediathek.de/video/film-und-serie/paradies-liebe/br-fernsehen/Y3JpZDovL2JyLmRlL3ZpZGVvL2RhMjJkMjk4LWI1MTYtNGFjMS1iMzVjLTViOWY0M2FhMTgzNQ/

Lisa erlebt natürlich viel Kurioses und Spannendes in der Schule. Die Schüler:innen wachsen ihr ans Herz aber bei den Lehrern und den Head Masters ist das Verhältnis noch gemischt. Sie verhalten sich teilweise wie kleine Könige: ja sie müssen natürlich zeigen, was sie können, nachdem Mama Kaya weiss, wie viel sie im Monat verdienen. Die Saläre finde ich ganz stolz und ich kann es ihnen nicht verübeln, dass sie sich besser vorkommen als der Rest der Welt. Ein Headteacher bringt es schon mal auf umgerechnet CHF 800 und ein:e Lehrer:in auf CHF 450, was hier ein ganz gutes Salär ist. Und was am meisten zählt ist die Jobsicherheit, denn die hat sonst fast niemand. Also auch wenn sie nach Juhudi „strafversetzt“ werden. Man kümmert sich nicht darum, woher jemand kommt oder versucht sogar für das Gemeinwohl jemanden in der Nähe der Gemeinde einzusetzen in der er aufgewachsen ist. Das ist schade und lässt auch nicht so viel Nähe zu den Kindern zu. Und mit der Methode: vorschwatzen/nachschwatzen kann auch gar nicht viel Nähe aufkommen, denn es ist ein echtes Nachplappern. Wie sie dann am Schluss die Prüfungen bestehen ist ein echtes Rätsel. Es geht nämlich auch nie darum, ob sie die Antwort, die sie geben müssen verstanden haben. Sie müssen einfach wissen: das ist die richtige Antwort. Wenn es zum Beispiel in einer Geschichte darum geht, dass sich das Eichhörnchen und das Krokodil auffressen möchten, dann wären unserer Meinung nach 4 der zur Auswahl gestellten Antworten richtig: es gilt aber nur eine – weiss der Teufel weshalb. Die Lehrer wissen es auch nicht und sie müsen bei jeder Frage der Kinder in ihrem Lösungbuch nachsehen, welche Antwort stimmt. Oder wenn es um die Aktivitäten geht, die ein guter Christ, eine gute Christin machen sollte, dann ist „lesen“ falsch aber „Zeit mit Freunden verbringen“ korrekt. Liebe:r Lehrerfreund:innen – beklagt euch bitte nie wieder über eure Lehrmittel. Dazu kommt, dass nicht jedes Kind ein Lehrmittel hat und sie sich daher oft etwas Teilen müssen. Die Wandtafel mit dem Stundenplan ist mit Kreide geschrieben und wenn sich mal jemand daran lehnt, dann sieht man nicht mehr, welches Fach als nächstes dran ist. Aber die Lehrer kommen sowieso zu spät in die nächste Klasse, weil sie wissen, dass der vorher überzieht. Wenn das mal per Zufall nicht so ist, dann sitzt die ganze Klasse einfach auf den (Pro Ganze) Bänkli bis der nächste Lehrer kommt. Die Kinder müssen den Lehrern alles machen wie Tee holen, Essen bringen, Tasche tragen. Wobei zu sagen ist, dass hier so etwas einfach üblich ist und ich selber kaum einmal Handtasche oder Rucksack vom Auto zur Wohnung tragen darf. Ich kann mich sogar noch erinnern, dass wir in der 3. Klasse auch immer unserer Lehrerin entgegengesprungen sind um ihr die Tasche zu tragen. Also ich nicht, denn ich war ja reformiert und wurde eh schlechter behandelt als die Katholiken. Das ist „many moons ago“ und ich hoffe, dass sich das deutlich geändert hat.

Die Mittagspause ist von 12.00 h bis 14.00 Uhr und weshalb die Köchin nicht früh genug mit Kochen beginnt, damit das Essen um 12.00 Uhr parat ist das ist schleierhaft. Meistens ist das erst um 13.45 h so, was bedeutet, dass gewisse Lehrer ohne Mittagessen in den Unterricht müssen und das Essen später nachholen müssen. Auf jeden Fall sind das für mich selber auch sehr interessante Einsichten und der Wunsch, den ich schon mehrfach diskutiert habe mit Olivia wird immer grösser: eine private Schule zu gründen, bei der eben ein besseres System gelebt wird und bei der die Kinder zur Selbstständigkeit gebracht werden. Wie es halt in der Schweiz auch an manchen Schulen läuft. Oder wie es der deutsche Hirnforscher Gerald Hüther sogar über die Schulen in Europa sagt: Die Schulen von heute haben ausgedient:  https://www.focus.de/familie/eltern/familie-heute/hirnforscher-warnt-wir-ueberschaetzen-die-schule-masslos-mit-fatalen-folgen_id_11682828.html und mein Liebling Richard David Precht sagt, dass Kinder nicht in eine Schule gehen sollten, die keinen Spass macht:  https://youtu.be/SNKBPtmlt5Q. Ich diskutiere das mit Lisa und sie fragt, ob ich das Buch: der Tanzende Direktor kenne.

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Als ich verneine holt sie es und ich sauge es in mich auf. Das System in Neuseeland scheint ein ganz anderes zu sein: da herrscht auch eine tolle Fehlerkultur und daher gibt es in den ersten Jahren in der Schule nicht einmal einen Radiergummi! Ich lese es jetzt mit grossem Interesse weiter und träume davon, dass sich hier auch einmal radikal etwas ändern wird. Also ich den Head Teacher darauf anspreche sagt er: ah ja, klar, das ist weil erst seit 3 Jahren das „CBC“ Curriculum gilt: Das Competence Based Curriculum. Da baue man eben auf den Stärken der Schüler auf und das sei dann ein Riesenunterschied. Die Lehrer seien alle speziell dafür ausgebildet worden. Aber alle in der 6.-8. Klasse hätten das halt noch nicht genossen. Als ich Lisa darauf anspreche meint sie nur, dass sie auch in tieferen Klassen war und keinerlei Veränderung gesehen hat. Das wird wohl noch ein paar Jahre dauern – vielleicht bis zur nächsten Schulreform?

Stellt euch einfach selber mal die Frage, wie die Schule der Zukunft aussehen soll und versucht überall, wo ihr könnt, dafür zu wirken. Viel Spass und Inspiration dabei. Meinen Schulweg beende ich verschwitzt aber irgendwie happy, dass ich mich schon so fest bewegt habe.

#habariweg